Am 24. September 2026 war Jonathan Drefs im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe Gegenwind zu Gast im Café Exodus in Saarbrücken. Rund 30 Menschen sind gekommen, um ihm zuzuhören. Zwei Stunden lang hat er im Gespräch mit Robert Hecklau erzählt, was ihm als Zwölfjährigem passiert ist, und was er daraus gemacht hat.
Jonathan lernt damals auf Discord jemanden kennen, der sich als Jugendlicher ausgibt, nur wenige Jahre älter als er. Erst später wird klar: Der Mann ist deutlich älter. Er baut Vertrauen auf, schirmt Jonathan von seinem Umfeld ab und verschiebt Schritt für Schritt Grenzen. Es kommt zu sexualisierter Gewalt. Jonathan erzählte offen, wie lange er gebraucht hat, um das als Missbrauch zu erkennen, wie schwer ihm der Weg zur Polizei fiel und wie zermürbend die Jahre bis zum Prozess waren. Der Täter wurde schließlich zu neun Jahren Haft verurteilt. Gemeinsam mit seiner Schwester Lena hat Jonathan die Initiative EndTheSilence gegründet, die über Cybergrooming aufklärt.
Für uns als LSVD⁺ Saar war es wichtig, an diesem Abend nicht nur zuzuhören, sondern auch nachzufragen. Deshalb haben wir im Vorfeld mehrere Ministerien und Behörden um Stellungnahmen gebeten. Besonders bewegend war die Antwort von Ingrid Richter, Leitende Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Limburg, die das Verfahren geführt hat. Sie schrieb uns, die Staatsanwaltschaft habe die Polizei im September 2020 mit der Auswertung der Beweise beauftragt, im Februar 2022 sei diese aber immer noch nicht erfolgt. Warum, könne sie sich nicht erklären. Am Ende ihrer Antwort wandte sie sich direkt an Jonathan: „Ich bedaure die Verzögerung sehr und möchte hier die Gelegenheit nutzen, Herrn Drefs um Verständnis zu bitten.“ Für Jonathan kam das überraschend.
Nach dem Interview öffneten wir die Runde fürs Publikum. Es kamen viele Fragen und eine lebhafte Diskussion. Einige Betroffene im Raum haben ihre eigenen Geschichten mit Jonathan geteilt. Dafür danken wir ihnen von Herzen, das braucht Mut.

Im Rahmen der Veranstaltung haben wir auch beim Bundesjugendministerium angefragt. Die Antwort haben wir am Abend selbst nicht vorgelesen, wollen sie euch aber nicht vorenthalten. Auf unsere Frage nach Präventionsangeboten speziell für queere Jugendliche, die auf Plattformen wie Discord nach Austausch suchen, nannte eine Sprecherin des Ministeriums zahlreiche allgemeine Programme gegen Cybergrooming und digitale Gewalt, aber keines, das sich gezielt an queere Jugendliche richtet. Über die eigene Kampagne #nichtwegschieben hieß es ausdrücklich: „Die Kampagne beinhaltet dabei keine Angebote speziell für queere Jugendliche.“ Genau dort hat Jonathans Täter angesetzt. Für uns bleibt das ein klarer Auftrag.
Der Abend wurde von einem Team von NZZ Format gefilmt. Die Aufnahmen sind Teil einer Reportage für 3sat und SRF.
Danke, Jonathan, für deine Offenheit. Danke an das Café Exodus und den Landesjugendring Saar für die Zusammenarbeit, und an alle, die da waren. Die Veranstaltung wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
Mehr über EndTheSilence gibt es auf der Website und auf Instagram bei @endthesilence.de und @jonathan.drefs.
Wer Unterstützung sucht, weil er oder sie selbst Ähnliches erlebt hat, kann sich an unsere Beratungsstelle wenden.


